Die Pasterze am Großglockner schrumpft weiter. Bei der jährlichen Vermessung des Gletschers dokumentieren Fachleute einen zunehmend starken Rückzug des Eises. Zum Einsatz kommen dabei unter anderem GPS-Geräte, Bohrungen, Sonden und Drohnen. Die Messungen sollen zeigen, wie sich der größte Gletscher Österreichs verändert und welche neuen Lebensräume an seiner Stelle entstehen.
Die Arbeiten finden im September auf rund 2.400 Metern Seehöhe statt. Der Zugang zum Eis hat sich im Vergleich zu früher deutlich verändert. Wo die Pasterze vor einigen Jahrzehnten noch nahe der Franz-Josef-Höhe lag, erstreckt sich heute eine von Bächen durchzogene Schotterfläche. Die frühere Gletscherbahn fährt nicht mehr bis zum Eis, weil ihr Ziel inzwischen in einem Bereich liegen würde, der weitgehend vom Gletscher freigelegt ist.
Für die Vermesser bedeutet der Rückzug längere und schwierigere Wege. Nach Angaben des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins muss heute ein deutlich größerer Höhenunterschied überwunden und mehrere Kilometer bis zur Gletscherzunge zurückgelegt werden. Zusätzlich hat die Zahl der Gletscherspalten zugenommen. Das erschwert die Arbeit am Rand des Eises und erhöht die Anforderungen an die Erfassung der Gletscherfläche.
Früher konnten die Fachleute den Gletscherrand mit einem präzisen GPS-Gerät zu Fuß abgehen. Weil das Gelände inzwischen stark zerklüftet ist, werden zunehmend Drohnen eingesetzt. Sie liefern Aufnahmen aus der Luft und helfen dabei, den Verlauf des Gletscherrandes festzuhalten. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist die Schuttbedeckung. In manchen Bereichen lässt sich dadurch nicht ohne Weiteres erkennen, wo das Eis endet und die eisfreie Fläche beginnt.
Neben der technischen Vermessung sind auch körperlich anstrengende Arbeiten notwendig. Studierende unterstützen dabei, das Eis aufzubohren und Sonden einzusetzen. Anhand der Sonden lässt sich später feststellen, wie stark sie aus dem Eis herausragen. So können Veränderungen der Eisdicke und der Schneebedeckung erfasst werden.
Besonders auffällig ist die Entwicklung der Altschneedecke. Dabei handelt es sich um Schnee, der sich im Winter auf dem Gletscher ansammelt und über längere Zeit liegen bleibt. Während für diese Messungen früher mehrere Meter tiefe Schächte ausgehoben werden mussten, reichen inzwischen deutlich flachere Grabungen. Die Schneedecke ist nach Angaben der beteiligten Fachleute stark zurückgegangen, während die Ausaperung – das Freilegen des Eises – ein außergewöhnliches Ausmaß erreicht hat.
Der Verlust beschränkt sich nicht auf das oberflächliche Abschmelzen. Schmelzwasser dringt auch seitlich in den Gletscher ein und führt Wärme in das Eis. Dadurch wird die Eismasse von innen geschwächt. Auf der Gletscherzunge zeigen sich kreisrunde Einbrüche, die auf solche Prozesse hindeuten. Der Rückgang kann sich dadurch zusätzlich beschleunigen.
Wo Eis verschwindet, entstehen zugleich neue Landschaften. Ein Beispiel ist der Pasterzensee. An seiner Stelle lag 1998 noch Gletschereis. Heute nimmt der See eine Fläche von rund 45 Hektar ein und ist bis zu 48 Meter tief. Nach Einschätzung des Nationalparks Hohe Tauern entwickeln sich in dieser Höhenlage hochdynamische Lebensräume. Zwischen Schutt, neu entstandenen Bächen und Gewässern kann sich die Natur weitgehend eigenständig entfalten.
Der Wandel wirft auch die Frage auf, wie mit den eisfrei werdenden Flächen künftig umgegangen wird. Der Österreichische Alpenverein warnt davor, solche Gebiete vorschnell für neue Nutzungen vorzusehen, insbesondere für touristische oder infrastrukturelle Projekte. Gletscherschutz müsse über den Erhalt der noch vorhandenen Eisflächen hinausgehen und auch die neu entstehenden Lebensräume berücksichtigen.