Die Hitzewellen im Juni und Juli 2026 haben in Österreich nach Angaben des KURIER 646 Todesopfer gefordert. Die Belastung treffe dabei nicht nur ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen, sondern könne auch für junge und körperlich fitte Personen gefährlich werden, warnt Julia Reiter, Psychologin und Wissenschaftlerin an der Universität Wien.
Hohe Temperaturen wirken sich demnach sowohl auf den Körper als auch auf die Psyche aus. Der Organismus kann sich stark aufheizen, in schweren Fällen auf mehr als 40 Grad. Mögliche Folgen sind Krämpfe, Übelkeit, Schwindel und Bewusstseinsstörungen. Durch starkes Schwitzen drohen zudem Flüssigkeits- und Salzverlust.
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26.09.2026Auch bei moderater Hitze sinken nach Einschätzung der Expertin Energie, Konzentrationsfähigkeit und Leistungsvermögen. Menschen seien schneller erschöpft, gereizter und fehleranfälliger. Bei längeren Hitzeperioden verschärfe sich die Situation, weil dem Körper ausreichende Erholung fehle. Dann werde langsamer gearbeitet, Entscheidungen dauerten länger und die Zahl der Fehler könne steigen.
Hitze kann laut Reiter zudem Angstreaktionen und Panikattacken begünstigen. Schneller Puls, ein heißes Gesicht und starkes Schwitzen könnten sowohl durch hohe Temperaturen als auch durch Angst ausgelöst werden. Menschen, die bereits Panikattacken erlebt haben, seien häufig besonders aufmerksam gegenüber solchen körperlichen Signalen. Dadurch könne sich die Wahrnehmung gegenseitig verstärken. Für Personen ohne entsprechende Vorerfahrung sei eine Panikattacke weniger wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Besonders gefährdet sind den Angaben zufolge Menschen, die bei hohen Temperaturen körperlich arbeiten. Dazu zählen etwa Beschäftigte im Garten- und Baugewerbe. Belastungen entstehen aber auch in Innenräumen. Nicht klimatisierte Krankenhäuser, Schulen oder Büros können sich stark aufheizen. Im Gesundheitsbereich kommt hinzu, dass sich der Zustand von Patientinnen und Patienten verschlechtern und die Arbeit dadurch zusätzlich anspruchsvoller werden kann. In Klassenräumen mit sehr hohen Temperaturen leiden sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler unter der fehlenden Konzentrationsfähigkeit.
Für Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen ist es oft schwieriger, Schutz einzufordern. Reiter nennt als Beispiel Zustellerinnen und Zusteller von Lieferdiensten. Sie hätten teilweise wenig Einfluss auf Arbeitszeiten und Pausen. Wenn digitale Vermittlungssysteme längere Lieferzeiten oder Unterbrechungen mit weniger Aufträgen sanktionierten, könne ein Zielkonflikt zwischen gesundheitlichem Schutz und Einkommen entstehen. Auch Beschäftigte mit freien Dienstverträgen hätten weniger Rechte und seien leichter austauschbar.
Österreich hat zwar eine Hitzeschutzverordnung für Arbeiten im Freien eingeführt. Ihre praktische Umsetzung sei jedoch nicht immer einfach, erklärt Reiter. Auf Baustellen müssten etwa Sicherheitsanforderungen, Verkehrsaufkommen, Lärmschutz und verfügbare Arbeitszeiten miteinander vereinbart werden. Für Menschen, die in Innenräumen tätig sind, bestehen nach ihrer Einschätzung weiterhin erhebliche Lücken. Bauliche Anpassungen und umfassende Klimatisierung seien häufig teuer und in öffentlichen Einrichtungen zudem mit bürokratischem Aufwand verbunden.
Als mögliche Maßnahmen gelten flexible Arbeitszeiten, zusätzliche Pausen, mobile Beschattung und gemeinsam genutzte gekühlte Räume. Auch Homeoffice könne dort entlasten, wo die Wohnsituation eine kühlere Arbeitsumgebung ermögliche. Reiter betont zugleich, dass Schutzmaßnahmen nicht allein auf die Beschäftigten abgewälzt werden dürften. Eigene Verantwortung setze voraus, dass Menschen tatsächlich Entscheidungsspielraum hätten.
Die Hitzebelastung ist nach ihrer Einschätzung auch eine soziale Frage. Menschen mit niedrigerem Einkommen, geringerem Bildungsstatus oder körperlich belastenden Tätigkeiten hätten oft weniger Möglichkeiten, Pausen einzulegen, sich Kühlung zu leisten oder aus dicht bebauten Vierteln mit wenig Grün auszuweichen. Wohnungslose Menschen könnten sich nicht in eine eigene Wohnung zurückziehen. Zudem seien viele kühle Aufenthaltsorte an einen Konsum gebunden und stünden ihnen daher nicht ohne Weiteres offen.
Für die Zukunft fordert Reiter mehr Klimaschutz, angepasste Gebäude, zusätzliche Bäume, Außenbeschattung und kostenlose kühle Rückzugsorte. Außerdem müssten die Rechte von Beschäftigten gestärkt und flexible Arbeitsmodelle besser genutzt werden. Notwendig sei auch ein gesellschaftlicher Wandel: Hitzewellen sollten als akute Gesundheitskrisen behandelt werden, bei denen vorübergehend geringere Leistungsanforderungen gelten. Über die 646 Todesfälle und die Einschätzungen der Expertin berichtete zuerst der KURIER.
Kurz zusammengefasst
- Die Hitzewellen im Juni und Juli 2026 forderten in Österreich 646 Todesopfer
- Hitze kann Körper und Psyche belasten, etwa durch Kreislaufprobleme, Erschöpfung, Konzentrationsverlust und Panikattacken
- Besonders gefährdet sind Außenbeschäftigte sowie Menschen in prekären Jobs und schlecht gekühlten Innenräumen
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