Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der BOKU University in Wien hat eine Methode entwickelt, mit der sich Gefährdungen für Flüsse und Bäche frühzeitig erkennen und Schutzmaßnahmen gezielter planen lassen. Der Ansatz berücksichtigt nicht nur einzelne Gewässerabschnitte, sondern das gesamte Flussnetz und dessen Einzugsgebiet. Er wurde auf Fließgewässer in Europa und den USA angewandt.
Im Mittelpunkt stehen ökologische Schwellenwerte für Fischgemeinschaften. Werden diese überschritten, können Artenvielfalt und Bestände innerhalb kurzer Zeit deutlich zurückgehen. Die neue Methode verknüpft entsprechende Daten mit der Intensität der Landnutzung im gesamten Einzugsgebiet sowie mit dem Anteil geschützter Flächen. Dadurch sollen sich gefährdete Flusslandschaften bereits vor dem Eintritt schwerer ökologischer Schäden identifizieren lassen. Zugleich können Regionen sichtbar werden, in denen eine Renaturierung besonders dringend ist.
Fließgewässer gehören zu den stark bedrohten Ökosystemen. In Österreich umfasst das Gewässernetz mehr als 100.000 Kilometer. Seine ökologische Entwicklung hängt jedoch nicht allein davon ab, was unmittelbar am Ufer oder in einem einzelnen Bachabschnitt geschieht. Schadstoffeinträge, Veränderungen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen oder Eingriffe flussaufwärts können sich über größere Distanzen auswirken. Auch der natürliche Wechsel von Wasserständen, die Umlagerung von Sedimenten sowie die Verbindung zwischen Flüssen, Ufern und Auen sind für die Entwicklung vielfältiger Lebensräume von Bedeutung.
Zu den wesentlichen Belastungen zählen nach Angaben der BOKU Verschmutzung, intensive Landwirtschaft, bauliche Eingriffe und die Folgen des Klimawandels. Diese Faktoren können Wasserqualität, Abflussverhalten, Temperatur, Sedimenttransport und Lebensräume verändern. An den Fischbeständen lassen sich solche Entwicklungen häufig ablesen: Empfindliche Arten gehen zurück oder verschwinden, während widerstandsfähigere Arten häufiger werden. Auch die Größe der Bestände und ihre Altersstruktur können sich verändern. Fischgemeinschaften gelten deshalb als geeigneter Hinweis auf den ökologischen Zustand eines Fließgewässers und können Belastungen über längere Flussabschnitte widerspiegeln.
Die Forschenden betonen zugleich, dass Flüsse unterschiedlich auf Umweltveränderungen reagieren. Ein Schwellenwert, ab dem sich der Zustand deutlich verschlechtert, kann je nach Gewässer variieren. Ist dieser Punkt überschritten, sind die Schäden den Angaben zufolge oft nur mit erheblichem Aufwand und möglicherweise nicht vollständig rückgängig zu machen. Die neue Bewertungsmethode soll deshalb helfen, vorbeugend tätig zu werden und knappe Mittel dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen erwarten lassen.
Eine Untersuchung vor Ort ersetzt der Ansatz nicht. Er soll vielmehr eine übergeordnete Entscheidungsgrundlage für Behörden und andere Verantwortliche liefern. Die vergleichbare Bewertung verschiedener Regionen wird dadurch erleichtert, dass nicht nur lokale Zustände, sondern auch Unterschiede bei Landnutzung, Schutzstrategien und rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.
Aus Sicht der an der Studie beteiligten BOKU-Wissenschaftlerin Rafaela Schinegger muss sich auch die Planung von Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen verändern. Projekte würden häufig entlang administrativer Grenzen oder als voneinander getrennte Einzelvorhaben organisiert. Flüsse und ihre Einzugsgebiete ließen sich jedoch nicht sinnvoll nach Gemeinde-, Landes- oder Schutzgebietsgrenzen betrachten. Gewässerschutz, Renaturierung, Raumplanung, Landnutzung und Wasserwirtschaft müssten daher stärker miteinander verbunden werden.
Für Österreich wird in diesem Zusammenhang ein klarer nationaler Wiederherstellungsplan als notwendig angesehen. Das Land hat am 1. September einen ersten Entwurf an die EU-Kommission übermittelt. Nach Einschätzung der BOKU ist damit jedoch noch nicht geklärt, an welchen Orten konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, welche zusätzlichen Schritte erforderlich sind, wer die Verantwortung trägt und wie die langfristige Finanzierung gesichert werden kann.
Bestehende Programme und freiwillige Vorhaben reichen aus Sicht der Forschenden nicht aus. Angestrebt werden zusammenhängende Wiederherstellungslandschaften, in denen Gewässer, Auen und angrenzende Flächen gemeinsam geplant werden. Dabei sollen Gemeinden, Grundeigentümer, Landbewirtschaftende, Interessenvertretungen und die Bevölkerung frühzeitig einbezogen werden. Maßnahmen müssten sowohl praktisch umsetzbar als auch ökologisch wirksam sein. Über die neue Methode berichtete zuerst der KURIER.
Kurz zusammengefasst
- Die BOKU-Methode bewertet Flussgefährdungen anhand des gesamten Flussnetzes und Einzugsgebiets statt einzelner Gewässerabschnitte
- Ökologische Schwellenwerte von Fischgemeinschaften zeigen, wann Artenvielfalt und Bestände rasch zurückgehen können
- Die BOKU fordert für Österreich einen nationalen Wiederherstellungsplan mit abgestimmten Maßnahmen für Flüsse, Auen und angrenzende Flächen
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