Die österreichische Erdäpfelernte fällt in diesem Jahr voraussichtlich deutlich kleiner aus als im Vorjahr. Nach Angaben der InteressenGemeinschaft Erdäpfelbau (IGE) sinkt die Menge von rund 813.000 auf etwa 468.000 Tonnen. Damit könnte die heimische Ware nicht bis zur nächsten Ernte reichen. Nach einer ersten Einschätzung der Branche ist Österreich voraussichtlich bis Weihnachten mit Erdäpfeln aus eigener Produktion versorgt, danach könnten Importe notwendig werden.
Die Ursachen liegen vor allem in den Wetterbedingungen während der Vegetationsphase. Zwar waren die Voraussetzungen beim Auspflanzen im Frühjahr zunächst günstig. Im Juni und Juli folgten jedoch hohe Temperaturen und fehlender Regen. Die Niederschläge im September kamen nach Einschätzung der Landwirtschaftskammer Niederösterreich zu spät, weil die Knollen ihr Wachstum bei Temperaturen von mehr als 25 Grad bereits einstellen.
Die Speiseerdäpfel sind inzwischen weitgehend geerntet. Bei späteren Sorten, die unter anderem für die Speiseindustrie und die Stärkeproduktion bestimmt sind, läuft die Ernte noch einige Wochen. An der grundsätzlichen Einschätzung ändert das jedoch wenig: Die Landwirtschaftskammer erwartet eine der kleinsten Erdäpfelernten der vergangenen Jahrzehnte.
Zusätzlich zur Trockenheit setzt den Betrieben der Drahtwurm zu. Der Schädling sucht im trockenen Boden nach Feuchtigkeit und beschädigt dabei die Knollen. Während in durchschnittlichen Jahren etwa zehn Prozent der Ernte betroffen sind, liegt der Verlust heuer im Mittel bei rund 25 Prozent. In einzelnen Regionen sollen sogar bis zu 80 Prozent der Erdäpfel durch den Befall beeinträchtigt sein. Fraßstellen machen einen Teil der Ware unverkäuflich, obwohl die betroffenen Knollen zuvor ebenso Wasser, Dünger und Arbeitszeit benötigt haben wie gesunde Pflanzen.
Ein wirksames Mittel zur direkten Bekämpfung des Drahtwurms steht den Produzenten derzeit nicht zur Verfügung. Geforscht wird unter anderem an biologischen Ansätzen mit Pilzen. Was unter Laborbedingungen funktioniert, ist nach Angaben der Branche in der landwirtschaftlichen Praxis bislang jedoch nur eingeschränkt erfolgreich.
Die IGE verweist auf eine Umfrage unter Erdäpfelbetrieben. Demnach erwägen 40 Prozent der befragten Unternehmen, ihre Anbauflächen weiter zu verringern, sollte der Schädling nicht bald gezielt bekämpft werden können. Weitere elf Prozent geben an, den Erdäpfelbau aus diesem Grund möglicherweise vollständig aufzugeben. Nach Einschätzung der Landwirtschaftskammer würde eine solche Entwicklung die Versorgungssicherheit gefährden.
Besonders wichtig ist die Situation in Niederösterreich. Dort liegen rund 80 Prozent der österreichischen Erdäpfelflächen. Drei Viertel davon befinden sich in Gebieten ohne Bewässerungsmöglichkeit. Die Branche fordert deshalb einen Ausbau der Wasserinfrastruktur, insbesondere im Nordosten des Bundeslandes. Grundsätzlich besteht bereits Einigkeit darüber, Wasser aus der Donau zu entnehmen. Derzeit wird noch an der Verteilung gearbeitet. Bis das Wasser das Weinviertel erreicht, könnten nach Einschätzung der Landwirtschaftskammer allerdings zehn bis zwölf Jahre vergehen.
Neben dem Schutz der Kulturen und einer besseren Wasserversorgung nennt die Landwirtschaft weitere Voraussetzungen für eine stabile Produktion: mehr Forschung, insbesondere zur Bekämpfung des Drahtwurms, sowie Preise, die den Betrieben ein wirtschaftliches Überleben ermöglichen. Zwar steigen die Erdäpfelpreise angesichts des knappen Angebots. Bei den geringen Erträgen reiche das zusätzliche Geld nach Einschätzung der Branche jedoch nicht einmal aus, um die Kosten für das Saatgut zu decken.
Wie stark die Einbußen ausfallen, zeigt das Beispiel eines Betriebs in Niederhollabrunn im Bezirk Korneuburg. Dort wurden heuer je Hektar lediglich sechs bis 15 Tonnen Erdäpfel geerntet. Üblicherweise liegt der Ertrag bei etwa 25 bis 30 Tonnen. Geschmacklich seien die Knollen unauffällig, viele von ihnen jedoch deutlich kleiner. Ein Teil sei so klein, dass er von der Erntemaschine nicht aufgenommen werde.
Sollten österreichische Erdäpfel nach Weihnachten nicht mehr ausreichen, plädiert die Interessenvertretung für Importe aus dem europäischen Raum. Dort gelten nach ihrer Einschätzung vergleichbare Produktionsbedingungen. Über die erwartete Erntemenge und die Folgen für die Versorgung berichtete zuerst der KURIER.
Kurz zusammengefasst
- Österreichs Erdäpfelernte sinkt voraussichtlich von 813.000 auf 468.000 Tonnen und reicht womöglich nur bis Weihnachten
- Hitze und fehlender Regen bremsten das Wachstum; Drahtwürmer verursachen heuer im Schnitt 25 Prozent Ernteverlust
- 40 Prozent der Betriebe erwägen weniger Anbau, elf Prozent sogar den vollständigen Ausstieg aus dem Erdäpfelbau
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