Die Bestände wild lebender Tiere weltweit sind seit 1970 im Durchschnitt um 73 Prozent zurückgegangen. Das geht aus dem neuen Living Planet Index des WWF hervor, der alle zwei Jahre aktualisiert wird. Der Wert bedeutet nicht, dass 73 Prozent aller Tiere verschwunden seien, sondern beschreibt den durchschnittlichen Rückgang der Größe erfasster Populationen, wie AllAfrica berichtet.
Der Index gehört zu den Kennzahlen, mit denen Fortschritte bei den Biodiversitätszielen der Vereinten Nationen verfolgt werden. Die Datenbasis sei jedoch trotz ihres großen Umfangs unvollständig. Wildtierbestände zu zählen sei sehr aufwendig, meist nicht aus dem Weltraum möglich und weltweit nur lückenhaft organisiert.
Im Verhältnis zu den vorhandenen Daten gebe es daher sehr viel mehr Populationen, die niemand erfasse. Laufende Initiativen sollten diese Lücken verringern, würden aber erst in Jahren Ergebnisse liefern. Für historische Zeiträume lasse sich die Erfassung nicht nachholen, weshalb der Index auf verfügbaren akademischen Einzelstudien, lückenhaften Überwachungsprogrammen und Verwaltungsdaten zu genutzten Arten beruhe.
Kritik am Index bezieht sich unter anderem darauf, dass in den zugrunde liegenden Aufzeichnungen ungefähr gleich viele Populationen zunähmen wie abnähmen. Ein ähnliches Muster zeige sich auch in der Datensammlung BioTIME. Nach Einschätzung der Autoren sind die erfassten Populationen jedoch nicht unbedingt repräsentativ für die Tierwelt insgesamt.
Der Living Planet Index enthalte überproportional viele Zählungen aus Schutzgebieten und weitgehend unberührten Lebensräumen. Dazu gehörten abgelegene Wildnisgebiete und Nationalparks. Ein großer Teil der weltweiten Informationen über Veränderungen bei Wildtieren könne somit aus Gegenden stammen, in denen die Artenvielfalt vergleichsweise gut erhalten sein sollte.
Das könne das annähernde Gleichgewicht zwischen zunehmenden und abnehmenden Populationen in den Rohdaten erklären. Wenn diese Verzerrung nicht berücksichtigt werde, bestehe die Gefahr, den Rückgang der Artenvielfalt deutlich zu unterschätzen. Zugleich könne der Index auch häufiger Daten über bedrohte oder vom Menschen genutzte Arten enthalten, etwa Fische, bei denen ein Rückgang zu erwarten sei.
Lebensraumverlust führe zwar in manchen Fällen zu Gewinnern, etwa unter Vögeln landwirtschaftlich genutzter Flächen nach der Umwandlung eines Waldes in Agrarland. Bei der Umwandlung tropischer Wälder in Monokulturplantagen oder von Grasland in Siedlungen und Städte gingen jedoch häufig deutlich mehr Populationen zurück, als zunähmen.
Der Index versucht laut den Autoren, Verzerrungen auszugleichen. Zählungen aus untererfassten Regionen wie Afrika und Südamerika erhalten größeres Gewicht. Dort sei der Verlust unberührter Lebensräume größer und die Zahl der Arten höher. Außerdem flössen auch Daten ein, die nur über sehr kurze Zeiträume erhoben wurden, teilweise anhand von zwei Zeitpunkten.
Diese dünne Datenlage mache Aussagen über Populationstrends unsicher. Würden solche Populationen ausgeschlossen, stünden jedoch noch weniger Daten zur Verfügung und die Verzerrungen könnten sich verstärken. Genauere Methoden zur Bewertung solcher Verzerrungen in der Biodiversitätsforschung befänden sich noch am Anfang ihrer Entwicklung.
Die Autoren Hannah Sarah Wauchope von der University of Edinburgh sowie Gary David Powney und Nick Isaac vom UK Centre for Ecology & Hydrology schreiben, globale Indikatoren müssten nicht nur vorhandene Daten sorgfältig auswerten. Sie müssten die Daten auch so anpassen, dass sie die tatsächlichen Veränderungen in der Natur möglichst repräsentativ abbildeten.
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