Eine Studie des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik beschreibt körperliche, psychische, sexualisierte und spirituelle Gewalt im Studienseminar St. Michael in Traunstein.
Das Seminar nahm seit 1929 Kinder und Jugendliche auf, die das staatliche Chiemgau-Gymnasium besuchten. Sie verbrachten ihre Nachmittage, Abende und Nächte in der Einrichtung. 1939 gehörte auch Joseph Ratzinger zu den Schülern; er wurde später Papst Benedikt XVI. und bezeichnete Traunstein als seine „Vaterstadt“.
Für viele ehemalige Seminaristen sei St. Michael ein Ort von Freundschaft, Zusammenhalt, Spiritualität und Geborgenheit gewesen. Andere hätten dort das Gegenteil erlebt. Gespräche mit 34 ehemaligen Seminaristen. Drei weitere schilderten ihre Erlebnisse schriftlich. Zusätzlich sprachen die Forschenden mit sechs früheren Angestellten und werteten Briefe sowie Dokumente aus, darunter Personalakten.
Laut der Untersuchung kam es zu Drohungen, kollektiven Bestrafungen und einer erniedrigenden Behandlung einzelner Jungen. Besonders betroffen seien Buben gewesen, bei denen die Verantwortlichen wenig oder keine Berufung zum Geistlichen erkannt hätten. Die religiöse Autorität mancher Seminarleiter habe bei ehemaligen Schülern Angst, Schuld- und Schamgefühle sowie seelische Krisen ausgelöst. Ein Seminarist aus den 1970er-Jahren habe den Studienautoren berichtet, die Angst vor der Hölle sei ihm immer wieder vermittelt worden.
Die Studie berichtet außerdem von Ohrfeigen, Kopfnüssen und Schlägen auf den Hinterkopf. Kinder seien zum Essen gezwungen worden und hätten in besonders schweren Fällen ihr Erbrochenes wieder zu sich nehmen müssen. Auch unter den Schülern habe es seelische und körperliche Gewalt sowie in geringerem Umfang sexualisierte Gewalt gegeben.
Georg Rieperdinger, der seit den späten 1970er-Jahren im Seminar war, sagte bei der Vorstellung, er habe sich dort über die gesamte Zeit nicht wohlgefühlt und sich entwertet und infrage gestellt erlebt. Seit 2016 habe er begonnen, seine Erfahrungen öffentlich aufzuarbeiten.
Johannes Koch berichtete den Studienautoren, er habe 1985 sexuelle Gewalt durch einen Franziskaner-Minoriten aus Maria Eck erlebt. Das Kloster habe damals in engem Kontakt mit dem Seminar gestanden und Einkehrtage sowie Gottesdienste gestaltet. Koch habe bei dem Ordensmann Hilfe für sich und einen gleichaltrigen Freund gesucht. Nach seiner Darstellung habe der Mann später seine sexuelle Grenze überschritten. Koch sagte, das Seminar habe ihn und andere nicht geschützt und nicht auf Hilferufe reagiert. Die Vernachlässigung sei eine Grundlage für sexualisierte Gewalt gewesen und habe für ihn das Seminar als zweites Zuhause sowie die Kirche als Heimat zerstört.
Die sexuelle Gewalt sei nach Einschätzung der Sozialforscherin Judith Dubiski nicht systematisch angelegt gewesen. Der Studie zufolge habe es sich je nach Bewertung um etwa ein halbes Dutzend Fälle handeln können. Belastbare Zahlen ließen sich jedoch nicht ermitteln, weil sich vor allem ehemalige Seminaristen freiwillig auf entsprechende Aufrufe gemeldet hätten. Auch die Zahl aller Schüler über die Jahrzehnte habe sich im Archiv der Erzdiözese nicht feststellen lassen.
Als Ursachen für einen beträchtlichen Teil der Gewalt nennt die Studie die Überforderung der geistlichen Präfekten. Diese seien nahezu ständig im Dienst gewesen und hätten sich ohne spezielle pädagogische Ausbildung um zu viele Zöglinge kümmern müssen. Zudem habe es an einem pädagogischen Konzept und an einer nennenswerten externen Heimaufsicht gefehlt.
Die fast 180 Seiten umfassende Studie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll nach Angaben der Projektleiterin die Bedingungen und Mechanismen sichtbar machen, die Gewalt begünstigt hätten. Das Bistum, das Träger des Seminars ist, gab die Untersuchung in Auftrag und finanzierte sie.
Generalvikar Christoph Klingan bat die Betroffenen im Namen der Erzdiözese um Entschuldigung.
Es gilt die Unschuldsvermutung.
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