Im katholischen Studienseminar St. Michael in Traunstein sind Minderjährige über Jahrzehnte misshandelt und erniedrigt worden. Das geht aus einer Studie hervor, über die n-tv berichtete. Dokumentiert werden unter anderem Drohungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse und der Zwang, eigenes Erbrochenes zu essen.
Die Untersuchung umfasst den Zeitraum von 1960 bis 1990. Diese habe nicht dem christlichen Anspruch der Einrichtung entsprochen.
Als mögliche Ursachen nennen die Wissenschaftler eine unzureichende Vorbereitung und Begleitung des Personals sowie Überforderung. Zudem gebe es Hinweise auf geistlichen und Machtmissbrauch.
Dubiski zufolge sei kein Fall bekanntgeworden, in dem ein Seminarist über längere Zeit sexuellen Missbrauch habe erleben müssen. Sexualisierte Gewalt sei anders als psychische und körperliche Gewalt nicht als Sanktion eingesetzt worden, sondern als Zuwendung aufgetreten, schreiben die Autoren.
Die Untersuchung wurde von ehemaligen Schülern angestoßen und vom Erzbistum München und Freising finanziert. Auch die derzeitige Schulleitung unterstütze die Aufarbeitung. Die Wissenschaftler arbeiteten 18 Monate lang, werteten Akten aus und führten Gespräche mit Betroffenen.
Das 1929 gegründete Internat in Oberbayern wurde auch deshalb als katholische Kaderschmiede bekannt, weil Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., dort Seminarist war. Er besuchte in den 1930er und 1940er Jahren das Gymnasium der Einrichtung und blieb ihr später verbunden. Dieser Zeitraum liegt außerhalb des Untersuchungszeitraums.
Erstmals öffentlich wurden 2020 Vorwürfe eines ehemaligen Bewohners. Danach meldeten sich weitere mutmaßlich Betroffene. Hinweise auf systematischen und strukturellen Missbrauch, wie ihn vergleichbare Studien festgestellt hätten, sehen die Wissenschaftler im Fall des Studienseminars nicht.
Kommentare (0)