Vertriebene Palästinenser im besetzten Westjordanland leiden zunehmend unter Hunger, nachdem das Welternährungsprogramm (WFP) seine Hilfe stark eingeschränkt hat. Wie der Sender Al Jazeera berichtet, hatte die UN-Organisation im September angekündigt, die Zahl der Empfänger von Nahrungsmittelhilfe im besetzten Westjordanland um 50 Prozent zu senken. Als Grund nannte sie kritische Finanzierungsengpässe, die auf geringere Mittel internationaler Geber zurückgingen.
Fawza A., eine 75-jährige Witwe, wurde im Januar 2025 aus dem Flüchtlingslager Tulkarem vertrieben. Dies geschah im Zuge einer israelischen Militäroperation, die Flüchtlingslager im Norden des Westjordanlands ins Visier nahm und Zehntausende Palästinenser aus ihren Häusern vertrieb. Sie lebt nun mit ihrem Sohn, dessen Frau und deren Kind in einem kleinen, unfertigen Haus ihrer Tochter in Tulkarem. Ihr altes Zuhause sei nach ihren Angaben von der israelischen Armee vollständig abgerissen worden; an seiner Stelle verlaufe nun eine breite Straße für Militärfahrzeuge.
Fawza A. sagte dem Sender, sie leide an Asthma und Bluthochdruck. Ihre monatlichen Medikamente kosteten mindestens 200 Schekel (64 Dollar), die niemand für sie übernehme. Früher habe die Familie eine bescheidene Nahrungshilfe erhalten, die kaum für zwei oder drei Personen gereicht habe. Nun sei diese Hilfe vollständig weggefallen. Einer ihrer Söhne sitzt nach ihren Angaben seit 2024 in israelischer Haft, ihre anderen Söhne, die zuvor in Israel gearbeitet hatten, sind arbeitslos.
In der al-Muwahhad-Schule im Vorort Thannabeh in Tulkarem leben nach Angaben des Senders mehr als 1.000 Palestinenser, die aus den Lagern Tulkarem und Nur Shams vertrieben wurden. Sie haben dort Zuflucht gefunden, weil sie nirgendwohin ausweichen konnten und keine Miete zahlen können. Unter ihnen ist Rabab Q., 47 Jahre alt, mit ihrem 72-jährigen Ehemann Talib A. S. und drei Kindern. Die Familie wohnt im zweiten Jahr in Folge in einem 30 Quadratmeter großen Raum im Erdgeschoss der Schule, hat kein Einkommen und ist vollständig auf Hilfe angewiesen. Seit drei Monaten hat sie laut Bericht gar keine Unterstützung mehr erhalten.
Rabab Q. sagte, sie habe einen Bandscheibenvorfall und benötige eine monatliche Behandlung, die 300 Schekel (96 Dollar) koste, was sie sich nicht leisten könne. Physiotherapie habe sie nie in Anspruch nehmen können, aus demselben Grund. Sie schlafe auf einer abgenutzten Matratze auf dem Boden. Talib A. S. erklärte, die Familie finde oft kein Brot und keine Mahlzeit und gehe häufig hungrig schlafen. Früher hatte er in dem Flüchtlingslager einen kleinen Gemüsestand betrieben, der der Familie ein bescheidenes, aber ausreichendes Auskommen bot.
Das WFP führt die Verschlechterung der Lage auf zunehmende israelische Angriffe und erzwungene Vertreibungen im Westjordanland zurück. Laut der jüngsten vierteljährlichen Analyse zur Ernährungssicherheit haben 76 Prozent der palästinensischen Haushalte im Westjordanland einen deutlichen Einkommensrückgang erlebt. 12 Prozent der Bevölkerung nehmen sich nach der Analyse nur unzureichend Nahrung auf, und ein Drittel der Haushalte kann sich eine gesunde Ernährung nicht leisten. Besonders betroffen sind ländliche Gebiete und die Gouvernements im südlichen Westjordanland.
Said A., 61 Jahre alt, lebt in Khirbet al-Rakeez in Masafer Yatta südlich von Hebron. Er sagte dem Sender, seine 14-köpfige Familie habe seit sieben Monaten keine Unterstützung des WFP mehr erhalten. Im April 2025 wurde er nach wiederholten Angriffen von Siedlern auf das Dorf von einem Siedler angeschossen. Das Bein musste amputiert werden, er ist dauerhaft behindert. Bei Begegnungen mit Siedlern komme es weiterhin zu Übergriffen und Schlägen. Said A. benötige monatlich eine Behandlung, die mindestens 1.200 Schekel (385 Dollar) koste. Ein Einkommen habe er außer einigen Olivenbäumen nicht, die Siedler immer wieder zu beschlagnahmen versuchten.
Das WFP erklärte, es unterstütze gemeinsam mit Partnern weiterhin 200.000 Palestinenser im Westjordanland, unter anderem mit Bargeldtransfers, Lebensmittelgutscheinen, direkter Nahrungsversorgung und Ernährungsangeboten. Die Mittel reichten jedoch nicht aus, um den Bedarf aller bedürftigen Familien zu decken. Die Einstellung der Hilfe bedeute nicht, dass ein Empfänger nicht mehr berechtigt sei, sondern sei eine breite Entscheidung, die alle bisherigen Empfänger unabhängig von ihrer individuellen Prüfung betreffe. Es sei möglich, dass sich dies ändere und die Hilfe für einige wieder aufgenommen werde. Betroffene würden dann per SMS benachrichtigt.
Der Ökonom und Menschenrechtsaktivist Ubai A. sagte dem Sender, das Westjordanland stehe vor einer humanitären Krise, die durch den Wegfall der WFP-Hilfe verschärft werde, sowie vor einer Finanzkrise der Palästinensischen Autonomiebehörde. Israel halte seit Mai 2025 die Zolleinnahmen zurück, die es im Auftrag der Behörde einziehe. Dadurch könne diese keine Gehälter für den öffentlichen Dienst zahlen. Hinzu komme, dass Zehntausende Palästinenser, die zuvor in Israel beschäftigt waren, seit Oktober 2023 ohne Arbeit seien, da Israel ihnen keine Arbeitsgenehmigungen mehr erteile. Auch Einschränkungen für palästinensische und internationale Hilfsorganisationen erschwerten die Hilfe, darunter die Aussetzung der Registrierung von 37 internationalen Organisationen. Ubai A. sagte, rund eine halbe Million palästinensischer Familien brauche Nahrungshilfe, der tatsächliche Bedarf könne sogar höher liegen.
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