Nach Exit Polls, die am Dienstag von den großen israelischen Fernsehsendern veröffentlicht wurden, erreicht weder ein Parteienblock noch eine einzelne Partei eine klare Mehrheit für die Bildung einer neuen Regierung, wie Al Jazeera berichtete. Demnach käme das Bündnis unter Führung der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf 50 der 120 Sitze in der Knesset. Der oppositionelle Block unter Führung der Yashar-Partei des früheren israelischen Generalstabschefs Gadi Eisenkot käme auf 52 Sitze.
Für eine Mehrheit sind 61 Sitze nötig. Damit könnte keiner der beiden Blöcke allein eine Regierung bilden, und Wochen oder Monate politischen Tauziehens stünden bevor. Die arabisch geführten Parteien, die keinem der beiden Lager angehören, kämen den Prognosen zufolge auf 18 Sitze und könnten zu Königsmachern werden, falls sich andere Parteien mit ihnen verbünden. InstaNews hatte am 26. Oktober bereits berichtet, dass die arabischen Parteien über die Machtverhältnisse entscheiden könnten.
Eisenkot erklärte, die Umfragen zeigten einen Mangel an Vertrauen in Netanjahu. Oppositionsführer Yair Lapid sprach von einer vernichtenden Niederlage des Lagers des Regierungschefs und bezeichnete das Ergebnis als totalen Zusammenbruch. Die Öffentlichkeit habe die Regierenden nach Hause geschickt, sagte er. Außenminister Gideon Saar, ebenfalls Mitglied der Likud-Partei, hielt die Feiern der Opposition dagegen für verfrüht. In einem Beitrag in den sozialen Medien schrieb er, die Likud sei die größte Partei in Israel, und es sei immer gut, aus der Vergangenheit etwas zu lernen.
Netanjahu, der die Likud-Partei führt, war in den vergangenen 30 Jahren nahezu 19 Jahre lang Ministerpräsident und hat mehrere politische Krisen wiederholt überstanden. Ehab Jabareen, ein palästinensischer politischer Analyst und Forscher in Israel, sagte dem Sender Al Jazeera, die frühen Prognosen zeigten eine deutliche Schwächung des Blocks um Netanjahu. Zugleich warnte er davor, bereits einen Sieg Netanjahus oder das Ende von dessen politischer Laufbahn zu verkünden. Die Umfragen deuteten darauf hin, dass dessen Block seine Mehrheit verloren habe, doch fiele es seinen Gegnern schwer, eine eigene Mehrheit zu bilden. Sollte keine Seite eine Regierung zustande bringen, könnte Netanjahu als geschäftsführender Regierungschef im Amt bleiben, während die Verhandlungen weiterliefen.
Nach der endgültigen Auszählung am 4. November will Präsident Isaac Herzog mit den Parteichefs sprechen, wen sie als Ministerpräsidenten wünschen. Anschließend beauftragt er den Kandidaten, den er für am besten geeignet hält, eine Regierung zu bilden. Dies muss nicht zwingend der Chef der stimmenstärksten Partei sein. Der Kandidat hat zunächst 28 Tage Zeit, die der Präsident um 14 Tage verlängern kann, also insgesamt bis zu 42 Tage. In dieser Zeit sind intensive Verhandlungen über politische Zugeständnisse oder Ministerposten möglich. Gelingt keine Koalition mit mindestens 61 Sitzen, käme auch eine Minderheitsregierung mit Unterstützung kleinerer Parteien oder eine Machtteilung mit wechselnden Ministerpräsidenten infrage. Für die Vereidigung braucht eine neue Regierung ein Vertrauensvotum mit einfacher Mehrheit, das bei Enthaltungen auch mit weniger als 61 Stimmen gelingen kann.
Scheitert der erste Kandidat, kann Herzog einen anderen Abgeordneten mit einer Frist von 28 Tagen beauftragen. Scheitert auch dieser, könnte eine Mehrheit der Knesset-Abgeordneten einen dritten Kandidaten vorschlagen, der weitere 14 Tage Zeit hätte. Bleibt die Knesset blockiert, würde sie aufgelöst, und die Israelis müssten erneut an die Urnen. Diese Wahl müsste innerhalb von 90 Tagen angesetzt werden. Bis dahin bliebe Netanjahus Regierung als geschäftsführende Regierung im Amt.
Die anhaltende Blockade hatte die Israelis zwischen April 2019 und März 2020 bereits zu drei Wahlrunden gezwungen. Am Ende stand eine Machtteilungsvereinbarung zwischen Netanjahu und seinem damaligen Hauptrivalen Benny Gantz, nach der sie das Amt des Ministerpräsidenten rotieren lassen wollten. Diese Regierung zerbrach ein Jahr später, nachdem es ihr nicht gelungen war, einen Haushalt zu verabschieden.
Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot haben eine Zusammenarbeit mit den arabisch geführten Parteien ausgeschlossen und dies mit fehlenden gemeinsamen Werten begründet. Der israelische Politikanalyst Asaf Ronel meinte, die Umfragen deuteten zwar ein Ende der Regierung Netanjahus an, doch stelle sich ernsthaft die Frage, ob die anderen Führungsfiguren ihre Ablehnung gegenüber den arabisch geführten Gruppen überwinden könnten. Er sprach dabei von Rassismus und Verweigerung. Ronel sagte weiter, entscheidend sei, ob sie ihr rassistisches Wahlversprechen aufgeben könnten. Andernfalls sei das wahrscheinlichste Szenario eine weitere Wahlrunde in den kommenden Monaten.
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