Tausende junge Albanerinnen und Albaner haben am Samstag (17. Oktober) vor dem Bildungsministerium im Zentrum der Hauptstadt Tirana demonstriert. Es war der fünfte Tag einer wachsenden, von Studierenden getragenen Bewegung, die Ministerpräsident Edi Rama zum Rücktritt zwingen will, wie Arab News berichtete.
Die Kundgebung schlug in Gewalt um. Eine Gruppe vermummter junger Menschen warf Steine auf Bereitschaftspolizisten. Diese antworteten mit Blendgranaten, Tränengas und einem Wasserwerfer.
Die Proteste richten sich gegen Korruption und fehlende Arbeitsplätze und haben sich inzwischen im ganzen Land ausgebreitet. In Tirana haben Demonstranten in dieser Woche Fenster eingeschlagen, Regierungsgebäude angezündet und sich mit der Polizei auseinandergesetzt.
Laut Polizeizahlen wurden bislang 500 Demonstrierende festgenommen, 330 von ihnen wurden wieder freigelassen. Als verletzt registriert wurden 120 Polizisten und 45 Demonstrierende. Die Zahl der verletzten Demonstranten dürfte allerdings höher liegen, weil viele Verletzungen vermutlich nicht erfasst wurden.
Die Unruhen sind nach Einschätzung der Quelle die bislang größte Bedrohung für Rama, der seit 2013 regiert und bei den Wahlen im vergangenen Jahr eine vierte Amtszeit gewonnen hat.
Die Proteste folgen auf monatelange, weitgehend friedliche Demonstrationen gegen den Bau einer Luxusanlage an der unberührten Südküste Albaniens. Das Projekt wird von Investoren unterstützt, darunter Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Dorfbewohner hatten Reuters im Juli gesagt, ihr Land sei zu Unrecht für das Projekt verkauft worden. Reuters berichtete später, der Mann, der das Land verkauft habe, werde von Staatsanwälten wegen des Verdachts auf Drogenhandel gesucht. Sein Anwalt weise die Vorwürfe zurück. Reuters habe keine Hinweise auf ein Fehlverhalten Kushners gefunden, der in den Streit der Dorfbewohner nicht direkt eingebunden sei.
Rama bestreitet jegliches Fehlverhalten. Er hatte Reuters in dieser Woche gesagt, er werde nicht zurücktreten. Am Samstag erklärte er, seine Regierung respektiere die Studierenden und werde deren Recht auf Protest schützen. In einem Beitrag auf Facebook schrieb er, seine Verantwortung sei in diesen schwierigen Zeiten noch klarer. Sein Ziel sei es, Albanien bis 2030 in der Europäischen Union zu sehen.
Seine Regierung sieht sich seit Längerem mit Korruptionsskandalen konfrontiert. Analysten zufolge ist Albanien ein Knotenpunkt für Banden, die Geld aus dem Drogen- und Waffenhandel waschen wollen. Das erschwere die Bemühungen des Landes um einen EU-Beitritt. Albanien führt gemeinsam mit Montenegro den Beitrittsprozess unter den Balkanstaaten an.
Die Unruhen in Albanien fallen mit wachsenden Straßenprotesten in anderen Teilen Europas zusammen. In Frankreich protestieren Oberstufenschüler seit Wochen für mehr Lehrkräfte und bessere Ausstattung. Die Bewegung scheint sich nach Angaben der Quelle auf weitere Bevölkerungsgruppen auszuweiten. In Spanien gab es in diesem Monat breite Proteste gegen hohe Mieten und fehlenden Wohnraum. Sie veranlassten die Regierung, Neuwahlen anzusetzen.
InstaNews hatte am 16. Oktober über die Gewalt bei den Protesten in Tirana berichtet.
Kommentare (0)