Die Oppositionsparteien im Bundestag haben in dieser Woche eine Debatte über den Völkermord an den Ovaherero und Nama angestoßen. Vertreter der betroffenen Volksgruppen forderten dabei eine eindeutige Anerkennung der Verbrechen und eine umfassende Entschädigung, berichtete DW Africa.
Gaob Daniel Timotheus Frederick war dafür aus Namibia nach Berlin gereist. Seine Familie warte seit fast 120 Jahren auf die Rückgabe der sterblichen Überreste seines Vorfahren Cornelius Frederick, der den Widerstand der Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft angeführt habe und auf der Haifischinsel gestorben sei. Dort habe sich Deutschlands erstes Konzentrationslager befunden.
Frederick verlangte im Namen seines Urgroßvaters und als Mitglied der Nama Traditional Leaders Association eine bedingungslose Entschuldigung Deutschlands. Neben ihm saß der Paramount Chief der Ovaherero Traditional Authority, Mutjinde Katjiua. Er habe den Bundestag aufgefordert, die an den Ovaherero und Nama begangenen Völkermorde eindeutig anzuerkennen.
Von 1904 bis 1908 führte das Deutsche Reich einen Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung im Südwesten Afrikas. Betroffen waren neben den Ovaherero, die auch Herero genannt werden, die Nama, Damara und San. Mindestens 100.000 Menschen wurden getötet, ebenso viele vertrieben. Viele Menschen seien Zwangsarbeit und Zwangsprostitution unterworfen worden. Landnahmen und Enteignungen wirkten bis heute auf die Nachkommen fort.
In einem Entwurf für eine gemeinsame Erklärung mit Namibia erkenne die Bundesregierung an, dass die damaligen Ereignisse aus heutiger Sicht als Völkermord bezeichnet würden. Eine deutsch-namibische Aussöhnungsvereinbarung gibt es jedoch noch nicht. Der Historiker Jürgen Zimmerer sagte, dem Bundestag und der Bundesregierung fehle der politische Wille, diese Epoche der deutschen Geschichte aufzuarbeiten. Eine Anerkennung könne bei entsprechendem Willen schnell erfolgen.
Die Linkspartei hatte die Debatte mit einem Antrag initiiert, der gemeinsam mit Vertretern der Nachkommen eine vollständige Anerkennung und Entschädigung fordert. Katjiua lehne die bisherige Vereinbarung zwischen den Regierungen Namibias und Deutschlands ab. Entwicklungshilfe könne keine umfassenden Reparationszahlungen ersetzen, sagte er.
Seit 2021 verhandeln beide Regierungen über eine gemeinsame Erklärung. Nach der Unterzeichnung soll der deutsche Bundespräsident eine formelle Entschuldigung aussprechen. Das Auswärtige Amt betone jedoch, aus der Anerkennung des Völkermords ließen sich keine rechtlichen Entschädigungsansprüche ableiten.
Der Politikwissenschaftler Andreas Mehler bezeichnete den Regierungsplan als eine Art Scheckbuchdiplomatie. Zimmerer sagte, hinter der Haltung stehe auch eine finanzielle Überlegung. Eine Verpflichtung zu Reparationszahlungen an die Familien der Getöteten würde Deutschland angesichts der Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs finanziell ruinieren.
Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD werde die koloniale Aufarbeitung auf vier Zeilen beschränkt. Darin verspreche die Bundesregierung, ihre Bemühungen zur Aufarbeitung des Kolonialismus zu verstärken. Vorgesehen seien unter anderem internationale Forschung zu Artefakten, die Rückgabe von Kulturgütern, eine würdige Gedenkstätte und die Rückführung menschlicher Überreste.
Im Vergleich zur Arbeit der SPD-geführten Bundesregierung von 2021 bis 2025 habe das Thema an Sichtbarkeit verloren, sagte der Politikwissenschaftler Alexander Stroh-Steckelberg. Zimmerer sprach sogar von einem Rückschritt bei der Aufarbeitung kolonialer Ungerechtigkeit.
Nach Angaben des Berichts werden noch Zehntausende menschliche Überreste in Deutschland vermutet. Im März setzte die Bundesregierung einen vom Auswärtigen Amt geleiteten Koordinierungsrat ein. Dieser erklärte, die Bundesregierung wolle den Herkunftsländern und -gesellschaften nicht vorschreiben, welche Kulturgüter und menschlichen Überreste sie zurückfordern oder welche Prioritäten sie setzen sollten.
Die Vorsitzende des Koordinierungsrats, die Außenamtsbeamtin Serap Güler, verteidigte das Vorgehen der Bundesregierung. Auf ihren Dienstreisen nach Togo sowie geplanten Reisen nach Ruanda und Burundi erhalte sie Anerkennung für den aufrichtigen Umgang mit der Vergangenheit und das Bekenntnis zu einer Zukunft in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand.
Zimmerer sagte, Deutschland habe sich den Ruf erarbeitet, die eigene Geschichte kritisch zu betrachten und aus Fehlern zu lernen. Dieses Ansehen werde seiner Einschätzung nach derzeit verspielt. Bei der geplanten Gedenkstätte in Bremen erkenne er den Versuch, deutsche Kolonialverbrechen an den Rand zu drängen. Opfergruppen seien nicht einbezogen worden; auch Berlin und Hamburg müssten als ehemalige koloniale Hauptstädte des Deutschen Reiches Orte der Erinnerung werden.
Nach Zimmerers Angaben liefen 95 Prozent der Kolonialtruppen im Hamburger Baakenhafen aus. Dazu habe auch der Befehlshaber Lothar von Trotha gehört, der den Befehl zur Vernichtung der Ovaherero und Nama erlassen habe. Dass dort statt einer Gedenkstätte ein neues Opernhaus gebaut werde, bezeichnete Zimmerer als Verfälschung der Geschichte durch Kunst. Mehler hoffe weiterhin auf eine sachliche Debatte über Gedenkorte und eine Aufarbeitung der Kolonialgeschichte an weiteren Orten.
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