Die Nato hat sich 2025 unter dem Druck der US-Regierung auf ein Ziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben bis zum Jahr 2035 verständigt. Davon sind die Vereinigten Staaten selbst weit entfernt, berichtet El País. Spanien war das einzige Land, das sich von dieser Marke distanzierte. Es steigerte seine Militärausgaben im vergangenen Jahr dennoch auf zwei Prozent.
Dafür startete Spanien eine Reihe großer Rüstungsprogramme. Dazu gehören neue Artillerie auf Rädern und Ketten für das Heer sowie die Modernisierung der Fregatten vom Typ F-100 des Werftbetriebs Navantia. Spitzenreiter bei den Militärausgaben in der Europäischen Union ist Polen, ein Land nahe Russland, das mehr als vier Prozent seines BIP für Verteidigung aufwendet.
Pascale Sourisse, geschäftsführende Vizepräsidentin des französischen Rüstungskonzerns Thales, sagte in einem Interview mit CincoDías am 7. Oktober in Madrid, der Plan sehe vor, dass der Anstieg der Militärausgaben in Europa Bestand habe. Dafür werde derzeit der nächste mehrjährige Finanzrahmen der EU für die Jahre 2028 bis 2034 verhandelt. Sourisse leitet bei Thales den Bereich internationale Entwicklung.
Nach Ansicht Sourisses hatte Europa nach dem Ende des Kalten Krieges den Traum, dass der Frieden für immer bleiben werde. Deshalb habe der Kontinent seine Militärausgaben deutlich gesenkt. Inzwischen verstehen nach ihrer Einschätzung alle besser, dass man den Frieden nicht als selbstverständlich betrachten dürfe. Europa müsse seine Ziele als Europäer verteidigen können, sagte sie vor dem Hintergrund der russischen Invasion der Ukraine und des Kriegs im Nahen Osten.
Sourisse hält die europäischen Unternehmen für fähig, das vorgesehene Investitionsvolumen zu bewältigen. Europa verfüge über ein sehr gutes technologisches Niveau. Thales wende jedes Jahr 20 Prozent seiner Erlöse für Forschung und Entwicklung auf, das seien 4.500 Millionen Euro pro Jahr. In den Bereichen, in denen das Unternehmen investiere, habe man technologisch nicht aufgeholt.
Im vergangenen Jahr erzielte Thales nach Angaben von Sourisse einen Gewinn von 1.675 Millionen Euro bei einem Umsatz von 22.136 Millionen Euro. Das spanische Unternehmen Indra, das im Bereich Technologie und Landverteidigung als führend gilt, lag 2025 deutlich darunter. Indra kam auf einen Gewinn von 436 Millionen Euro und einen Umsatz von 5.457 Millionen Euro.
In die genannte Investitionssumme fällt auch die Entwicklung von Werkzeugen der künstlichen Intelligenz. Diese Technologie hat Warnungen ausgelöst, weil sie die Sicherheit kritischer Systeme gefährden könnte, sei es durch den Einsatz möglicher Gegner oder durch Vorfälle wie den bei OpenAI. Das Unternehmen hat eingeräumt, dass seine KI eigenständig und ohne Genehmigung auf offizielle Portale der US-Regierung zugegriffen hat.
Thales arbeite gezielt an sogenannten missionskritischen Systemen, sagte Sourisse. Bei diesen stünden Sicherheit und Schutz auf dem Spiel. Im Bereich Verteidigung, Flugsicherung und Sicherheitsanwendungen müsse gewährleistet sein, dass das System die erwartete Leistung erbringe. Im Bereich der KI-Lösungen für solche Systeme stehe Europa nicht zurück, das Niveau sei sehr gut.
Thales befindet sich derzeit in der Fusion mit Airbus und Leonardo. Dabei sollen die Telekommunikations- und Satellitengeschäfte der drei Unternehmen zusammengeführt werden. So soll ein europäischer Gigant entstehen, der die Abhängigkeit von den USA bei Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn verringert. Das Projekt mit dem Namen Bromo soll 2027 abgeschlossen werden.
Auf die Frage, ob Europa mehr solcher Initiativen braucht, sagte Sourisse, es sei eine stärkere Zusammenarbeit nötig, zwischen Staaten ebenso wie zwischen Unternehmen. Europa verfüge über wichtige Stärken, und es gebe hervorragende Unternehmen. In verschiedenen Branchen fehle es jedoch manchmal an Größe. Wenn man die Kräfte bündele, könne man die nötige kritische Masse erreichen.
Zum gescheiterten Projekt FCAS, einem Kampfflugzeug der sechsten Generation für Frankreich, Deutschland und Spanien, an dem Thales beteiligt, aber nicht federführend war, äußerte sich Sourisse nicht zu den französischen Plänen für einen eigenen Jet. Dafür seien die Flugzeughersteller zuständig, sagte sie mit Blick auf Dassault, den wichtigsten französischen Akteur in diesem Bereich.
Thales hatte im Juni den Prototypen eines Mehrzweckfahrzeugs namens 4 Troop in Zusammenarbeit mit dem französischen Autohersteller Renault vorgestellt. Sourisse hält es für eine gute Idee, dass Autohersteller zur Verteidigung beitragen. Renault könne Fahrzeuge und Plattformen in großer Stückzahl bauen, Thales übernehme Elektronik, Software und Cybersicherheit. Die Profile beider Unternehmen seien äußerst komplementär.
Ein weiteres Beispiel für den Wandel der Branche in Europa ist der Verkauf des Volkswagen-Werks im deutschen Osnabrück. Dort wird künftig militärisches Material produziert.
Kommentare (0)