Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas hat eine Menge am vergangenen Wochenende zwei Männer aus dem Rathaus von Ostuacán gezerrt und gelyncht, obwohl sie dort in Gewahrsam waren. Die beiden sollen eine Großmutter und deren Enkelin ermordet haben, wie EL PAÍS América berichtete. Einer der Männer wurde enthauptet, der andere schwer misshandelt, überlebte aber.
Beide wurden am 19. Oktober in einer Gemeinde im Nordwesten des Bundesstaats getötet, am selben Tag, an dem das Mädchen zuletzt gesehen worden war.
Der Gouverneur von Chiapas, Eduardo Ramírez, hatte die Menschen auf dem Zentralplatz in einer dringenden Mitteilung in den sozialen Netzwerken aufgefordert, dem Rechtsstaat zu vertrauen. Selbstjustiz stelle keinen Frieden her, sondern bringe nur weiteres Leid und rechtliche Folgen für Unschuldige, schrieb er. Der Appell blieb wirkungslos, ebenso weitgehend die Polizeipräsenz vor dem Gebäude. Die Staatsanwaltschaft geht nach eigenen Angaben von Rache als Tatmotiv aus. Die beiden Verdächtigen, Armando N., genannt El Melo, und Andrés N., genannt El Cera, waren kurz nach den Morden festgenommen worden, nachdem sie zunächst geflohen waren. Gegen den getöteten El Melo ermittelt die Behörde nun wegen eines Tötungsdelikts. Gegen den überlebenden Verdächtigen wurde die Höchststrafe von 100 Jahren Haft beantragt, wie Generalstaatsanwalt Jorge Luis Llaven Abarca mitteilte.
Die Gewaltforscherin Matilde Domínguez von der Autonomen Universität Mexiko (UNAM) sagte, das System könne Gewalt nur mit Gewalt eindämmen. Der Zugang zur Justiz sei institutionell kaum erreichbar, der Staat müsse Gewalt stattdessen regulieren. Manuel Pérez Aguirre vom Colegio de México (Colmex) nannte neben der tatsächlichen und empfundenen Straflosigkeit die Schwäche der Gemeindepolizeien. Beide Experten sehen zudem tief verwurzelte kulturelle Muster, die Lynchjustiz in ländlichen Gebieten und an den Rändern großer Städte im Zentrum und Süden Mexikos verbreiten.
Nach Angaben des Nationalen Sekretariats für öffentliche Sicherheit wurden in Chiapas zwischen Januar und September dieses Jahres 28 Frauen ermordet. Laut einer Erhebung des Statistikinstituts INEGI aus dem Jahr 2021 hatten 48,7 Prozent der Frauen ab 15 Jahren in ihrem Leben irgendeine Form von Gewalt erlebt, 26,9 Prozent im Vorjahr. Chiapas weist zwar die geringste gemeldete Prävalenz auf. Am Tag, an dem die Staatsanwaltschaft das Motiv Rache nannte, meldeten die Behörden zudem mehrere weitere Fälle sexueller und häuslicher Gewalt. Das Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich verzeichnete zwischen 2010 und 2019 in Lateinamerika 2.818 Lynchmorde, 30 Prozent davon in Mexiko. Die Organisation Causa en Común dokumentierte in diesem Jahr neben dem Fall in Chiapas mindestens fünf weitere: zwei im Bundesstaat Mexiko sowie je einen in Aguascalientes, Baja California Sur und Tlaxcala.
Es gilt die Unschuldsvermutung.
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