Ungarn hat die Akten der kommunistischen Geheimpolizei für die Öffentlichkeit geöffnet, wie die BBC berichtet. Die Regierung begründet den umstrittenen Schritt damit, dass die Gesellschaft so die Traumata von 45 Jahren kommunistischer Herrschaft aufarbeiten könne. Kritiker sagen, die Öffnung komme zu spät, die Akten selbst seien unvollständig, und der Schritt riskiere, Spaltung zu säen und unnötige Qualen zu verursachen, auch für Familienangehörige.
Der Termin ist symbolisch. Am 4. November 1956 rollten sowjetische Panzer durch Budapest und andere Städte, um die kurzlebige ungarische Revolution niederzuschlagen. Magyar verteidigte den Schritt. Die Öffnung war ein zentrales Versprechen seines Wahlkampfs vor dem deutlichen Wahlsieg bei den Wahlen im April. Magyar sieht darin die Einlösung eines Versprechens, das diejenigen gegeben hatten, die 1989 die kommunistische Partei in Ungarn gestürzt haben.
In den folgenden Jahrzehnten haben konservative, sozialliberale und Fidesz-geführte Regierungen eine Öffnung erwogen, letztlich aber abgelehnt. Seit 1998 kann man einen eigenen Akt beantragen, Historiker können die Akten anderer einsehen. Viele Namen waren jedoch geschwärzt, und die Nachrichtendienste nach dem Ende des Kommunismus hielten zahlreiche Akten für den eigenen Gebrauch zurück. In den vergangenen 36 Jahren sind immer wieder Daten aus den Akten durchgesickert, weil Regierungen versuchten, ihre Gegner zu schädigen. Viele Akten wurden außerdem geschreddert, als die kommunistische Partei 1988 und 1989 ihre Macht verlor.
Ab Mittwoch sind die Namen und persönlichen Daten von rund 60.000 Personen, die von den kommunistischen Geheimdiensten angeworben wurden, auf der Webseite nyitottaktak.hu abrufbar. Ein typischer Eintrag enthält den echten Namen des Informanten, seinen Decknamen, Geburtsdatum, Adresse und den Namen der Mutter, die Motivation für die Anwerbung, ob freiwillig oder durch Erpressung oder Zwang, sowie den Namen des zuständigen Führungsoffiziers. Eine weitere Aktengruppe, die sogenannten B-Dossiers, wird derzeit digitalisiert und soll am 25. Februar zugänglich gemacht werden. Sie sollen deutlich mehr über den Anwerbeprozess und den höheren oder geringeren Wert der gelieferten Informationen verraten.
Geschätzt wurden zwischen Dezember 1944 und Februar 1990 150.000 bis 160.000 Menschen in Ungarn als Informanten angeworben. Viele davon seien erpresst worden, etwa mit Drohungen, Arbeit oder Studienplatz zu verlieren, den Zugang zu Medikamenten zu verlieren oder mit der Weitergabe von Informationen über ihr Sexualleben oder Süchte. Solche intimen Details sollen in den aktuellen Veröffentlichungen sorgfältig herausgeschnitten werden.
Der Historiker Ungváry, der sich lange für die vollständige Freigabe der Akten eingesetzt hat, sagt, der Zugang zu Informationen, die der Staat über Bürger gesammelt hat, sei ein Bürgerrecht und dürfe nicht von den Launen der Mächtigen abhängen. Kritiker betonen dagegen, Menschen würden die Personen in den Akten vorschnell verurteilen und die Nuancen nicht verstehen wollen. Die Historikerin und Europaabgeordnete Zsuzsanna Borvendég von der rechtsextremen Partei Unsere Heimat argumentiert, in der überwältigenden Mehrheit der erhaltenen Agentenberichte sei nicht einmal der Agent zu identifizieren, geschweige denn seine Motive. Die Veröffentlichung von Namen ohne ausführliche Erklärung der Umstände ihrer Anwerbung und ihrer Tätigkeit riskiere, die Öffentlichkeit irrezuführen, sagte sie ungarischen Medien.
Kommentare (0)