Nordkorea hat nach Angaben der Hindustan Times unter Berufung auf Reuters eine Armee gut ausgebildeter Hacker aufgebaut. Dafür sollen talentierte Kinder früh erkannt, in fortgeschrittener Technologie geschult und bei erfolgreichen Operationen mit Geld, Luxuswohnungen und anderen Privilegien belohnt werden. Das über mehr als zehn Jahre entwickelte Programm soll das Land zu einer bedeutenden Kraft im Bereich Cyberkriminalität gemacht haben. Die Hacker werden beschuldigt, einige der größten Kryptowährungsdiebstähle weltweit verübt zu haben.
Im Fokus steht derzeit der Binance-Hack im vergangenen Monat, bei dem Kryptowerte im Umfang von 6,3 Milliarden Dollar gestohlen wurden. Das FBI und die Kryptowährungsbörse Binance machen Nordkorea für den Angriff verantwortlich. Blockchain-Ermittlungsfirmen ordnen die Tat einer nordkoreanischen Hackergruppe namens „TraderTraitor“ zu. Pjöngjang bestreitet jede Beteiligung und bezeichnet die Vorwürfe als erfundene politische Provokationen.
Der Ausbau beginnt laut Überläufern und Analysten bereits in der Schule. Die Regierung wählt demnach jedes Jahr 150 bis 200 talentierte Schüler aus, teils schon im Alter von elf oder zwölf Jahren, um Informatik zu studieren. Die vielversprechendsten werden mit 17 Jahren an die führenden Universitäten des Landes geschickt und durchlaufen weitere Prüfungen. Nur wenige werden schließlich in die Cybereinheit des Militärs aufgenommen.
Die Ausbildung umfasst laut Bericht fortgeschrittene Mathematik, Fremdsprachen, Kryptowährungssysteme und Methoden, fremde Hardware zu analysieren. Wer nicht in die Hackereinheiten kommt, wird darauf vorbereitet, per Fernarbeit Software und Anwendungen für westliche Unternehmen zu entwickeln.
Heung-kwang K., ein Überläufer, der staatliche Hacker ausgebildet hatte, bevor er 2004 nach Südkorea floh, sagte, das Land habe ein systematisches Verfahren entwickelt, um junge Talente zu finden und auszubilden. Die Hacker seien tatsächlich eine der geheimen Waffen Kim Jong Uns. Kein anderes Land suche so systematisch nach den klügsten Kindern, allein um sie zu Agenten zu machen. Ob sie selbst Hacker werden wollten, spiele dabei keine Rolle, so Heung-kwang K.
Für erfolgreiche Operationen bietet Nordkorea laut Reuters erhebliche Belohnungen. Nach Angaben von Heung-kwang K. können die Militäreinheiten der Hacker bis zu 30 Prozent des erbeuteten Geldes in US-Dollar erhalten. Lim J., emeritierter Professor an der Schule für Cybersicherheit der Korea-Universität, sagte, es gebe Berichte, wonach erfolgreiche Cyberfachleute Wohnungen in Pjöngjang erhalten. Diese könnten bis zu 132 Quadratmeter groß sein.
Erfolgreiche Hacker können außerdem in die regierende Partei aufgenommen werden und die Chance erhalten, in einflussreiche oder elitäre Familien einzuheiraten, berichtete ein Überläufer. Zudem sind Reisen in verbündete Länder wie China möglich. Lim J. erklärte, Nordkorea lenke seine klügsten Schüler in Atom- und Cyberprogramme und biete ihnen Chancen, die andere junge Menschen nicht hätten. Während die besten Schüler Südkoreas Medizin oder andere angesehene Berufe wählen könnten, lenke Nordkorea sein Spitzenpersonal in Atom- und Cyberprogramme und garantiere ihm so praktisch die Zukunft.
Der südkoreanische Geheimdienst NIS schätzte im Jahr 2024, dass Nordkorea 8.400 Menschen in Cyberkriegsoperationen beschäftigt. Die Cyberabteilung war nach Angaben von Reuters bereits 1998 gegründet worden, gewann aber nach Kim Jong Uns Machtübernahme an Bedeutung. Im Jahr 2013 beschrieb Kim Cyberkrieg neben Atomwaffen und Raketen als „Allzweckschwert“ und als zentral für die militärischen Fähigkeiten des Landes. In den Anfängen betrieben die Hacker illegale Glücksspielseiten. Inzwischen haben sie sich auf große Organisationen und Kryptowährungsplattformen verlegt.
Das FBI hat TraderTraitor als nordkoreanische Gruppe identifiziert, die mit der Lazarus-Gruppe in Verbindung steht, auch APT38 genannt. Die Vereinigten Staaten hatten Lazarus bereits 2022 beschuldigt, im Ronin-Blockchain-Netzwerk Kryptowährungen im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar gestohlen zu haben. Beim Binance-Angriff sollen sich die Hacker nach Angaben des Unternehmens als Bewerber für ein Vorstellungsgespräch ausgegeben haben. Mit einem internen Tool für künstliche Intelligenz hätten sie danach die Kontrolle über die Systeme übernommen.
Nordkoreanische IT-Arbeiter sollen zudem über Fernarbeitsstellen bei westlichen Unternehmen Geld für das Regime erwirtschaften. Wer mit ihnen zu tun hatte, beschreibt sie als organisiert, diszipliniert und vertraut im Umgang mit KI-Werkzeugen. Den Einsatz von KI nannte er eine Untertreibung: Sie sei das Rückgrat der Operation. Die Arbeiter nutzten laut ihm bezahlte ChatGPT-Konten, Claude Code und Cursor.
Ein Team zur Überwachung von Sanktionen, dem elf Mitglieder der Vereinten Nationen angehören, berichtete 2025, dass TraderTraitor Zugang zu ChatGPT- und DeepSeek-Konten erhalten habe. Die Gruppe schreibe damit Code, verändere Lebensläufe, erstelle neue und fälsche sogar Dokumente und Identitäten, heißt es laut Reuters.
Trotz der Belohnungen sind die Arbeitsbedingungen nach Berichten früherer IT-Arbeiter und von Menschenrechtsgruppen hart. Beschrieben werden lange Arbeitszeiten, beengte Wohnverhältnisse, ständige Überwachung und strikte finanzielle Vorgaben. Eine Untersuchung der Organisation PSCORE aus dem vergangenen Jahr hob den Druck hervor, monatliche Einkommensziele zu erreichen. Nam B., Geschäftsführer von PSCORE, sagte, der Druck, weiter Geld zu verdienen, sei immer da. Der Stress sei extrem, und die psychische Belastung führe bei vielen zu Gesundheitsproblemen, die sie vorher nicht hatten. Wer seine Ziele verfehle, müsse mit Demütigungen und anderen Strafen rechnen.
Analysten gehen davon aus, dass Erfolge wie der Binance-Angriff Nordkorea dazu ermutigen könnten, noch größere Organisationen anzugreifen. Alec Z., leitender Manager für den asiatisch-pazifischen Raum bei Chainalysis, sagte laut Reuters, die staatliche Unterstützung ermögliche es nordkoreanischen Hackern, auch nach gescheiterten Versuchen weiterzumachen. Die Hacker täten dies für das Regime und würden deshalb auch nach Erfolgen weitermachen. Zebrick zufolge konzentrieren sich die Gruppen zunehmend auf große Organisationen, die über größere Geldbestände verfügen. Diese Ziele seien schwieriger zu knacken, doch der Binance-Fall zeige, dass sich der Aufwand für die Angreifer lohnen könne.
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