Wie Arab News berichtete, wachte Salma mitten in der Nacht auf, als Wasser von oben in das Zelt ihrer Familie drang und sich darunter sammelte. Die Familie lebt in Al-Mawasi im Süden des Gazastreifens, im Gebiet von Chan Junis. Trotz übereinandergelegter Planen konnte sie den Regen nicht abhalten. Salma, deren Name auf ihren Wunsch geändert wurde, sagte, egal welches Zelt man habe, das Wasser finde immer seinen Weg hinein. Niemand kümmere sich um Gaza.
Der erste Wintersturm der Saison traf Zehntausende Menschen. Nach Angaben von Save the Children wurden am Wochenende rund 70.000 Zelte an einem einzigen Tag überflutet. Der Zivilschutz erhielt laut der Organisation mehr als 1.500 Notrufe, als Familien die vollgelaufenen Lager über Nacht verließen. Für viele, deren Unterkünfte nach wiederholten Vertreibungen kaum noch Schutz boten, bedeutete der Regen einen hektischen Kampf um Bettzeug, Kleidung und die wenigen verbliebenen Habseligkeiten.
Für mehr als eine halbe Million Kinder in Gaza ist es der vierte Winter in Zelten oder behelfsmäßigen Unterkünften. Die Temperaturen sinken bis auf fünf Grad Celsius. Save the Children warnte, dass die Beschränkungen bei Unterkunftsgütern Familien potenziell lebensgefährlichen Bedingungen aussetzten.
Was in Gaza geschehe, sei eine vom Menschen verursachte Katastrophe, sagte Alexandra Saieh, Leiterin für globale strategische Einflussnahme und Politik bei Save the Children International. Die israelischen Behörden hätten nicht genügend Zelte ins Gebiet gelassen. Zudem verhinderten die Beschränkungen bei zahlreichen Gütern jeden Wiederaufbau und jede Erholung.
Eine aktuelle Erhebung des Palestine Shelter Cluster, der die humanitäre Unterbringung koordiniert, ergab, dass rund 1,2 Millionen Menschen in Verhältnissen lebten, die als kritisch oder katastrophal eingestuft wurden. Das entspricht rund 58 Prozent der Bevölkerung, darunter mehr als 560.000 Kinder. Viele Unterkünfte haben durch lange Witterungseinwirkung und wiederholtes Abbauen und Wiederaufbauen gelitten.
Basel El-Maqosui, ein Künstler aus Gaza-Stadt, schilderte, dass Regen auf dem Dach seiner Familie seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 keine Freude mehr bringe. Die ersten Tropfen erfüllten die Familie mit Angst. Sie suchten dann hektisch nach Behältern, trockenen Stoffen oder einer Ecke, die die Feuchtigkeit noch nicht erreicht habe.
Auch in sozialen Netzwerken berichteten Menschen von ähnlichen Szenen. Om Hamdy A. veröffentlichte auf Instagram Aufnahmen aus ihrem Camp und aus dem Inneren ihres Zeltes. Sie beschrieb die Lage als tragisch und bat um Mobilheime als Ersatz für die Zelte. Die Menschen hätten nach dem Verlust ihrer Häuser schon so viel ertragen, schrieb sie.
Auch Familien, die in den Resten ihrer Häuser leben, kämpfen gegen das Wetter. Maysa Yousef, Künstlerin und Mutter in Zentralgaza, sagte, die Vorderseite ihres Hauses wirke intakt, doch das Gebäude sei von hinten getroffen und vollständig ausgebrannt. Die Wände lösten sich voneinander, sodass der Einsturz drohe. Seit 6 Uhr morgens habe sie Regenwasser aus dem Haus geschöpft. Ihre Kunstwerkstätten müssten geschlossen bleiben, bis der Raum in der Sonne getrocknet sei, und Materialien in ihrem Atelier drohten verdorben zu werden.
Die Fenster ohne Glas müssten ständig repariert werden, und die Planen verschlissen mit jeder Jahreszeit. Yousef nannte einen Preissprung: Eine Plane habe früher 25 Schekel (acht US-Dollar) gekostet, inzwischen 120 Schekel. Zeitweise seien keine erhältlich gewesen. Die Menschen hätten wegen der Kälte und des Regens keine Wahl, sagte sie, sie müssten sie trotzdem kaufen.
Weil keine Baumaterialien verfügbar seien, durchsuchten Menschen laut Yousef die Trümmer nach allem, was sich zum Ausbessern eignet, auch nach Betonsäulen, die einsturzgefährdete Wände stützen sollen. Hilfsorganisationen zufolge haben die Beschränkungen dazu geführt, dass Familien nicht einmal grundlegende Verbesserungen vornehmen können.
Save the Children erklärte, die israelischen Behörden blockierten weiterhin Fertigunterkünfte und beschränkten Zelte, Planen, Decken, Brennstoff und Materialien zur Reparatur beschädigter Gebäude. Die vor mehr als einem Jahr angekündigte Waffenruhe habe die Einfahrt von Wohncontainern als haltbarere Alternative zu Zelten vorgesehen. Das sei nicht bloß eine Folge des schlechten Wetters, sagte Ahmad Alhendawi, der Regionaldirektor der Organisation für den Nahen Osten, Nordafrika und Osteuropa. Zelte, Unterkunftssets und Brennstoff warteten an Gazas Grenzen, während Kinder im Hochwasser schliefen, weil die israelischen Behörden deren Einfahrt blockierten. Das sei eine Entscheidung, und Kinder zahlten den Preis.
Die Menschenrechtsorganisation Euro-Med Human Rights Monitor erklärte, rund zwei Millionen Menschen benötigten Unterkunftshilfe, nachdem Israel die meisten Häuser in der Enklave zerstört oder beschädigt habe. In einer Mitteilung vom 5. November warf sie Israel vor, Unterkunfts- und Reparaturmaterial zu blockieren und vertriebene Palästinenser an der Rückkehr in Gebiete unter israelischer Kontrolle zu hindern. Die Beschränkungen ließen Familien in abgenutzten Zelten oder in beschädigten, einsturzgefährdeten Gebäuden zurück.
Israel erklärte laut BBC, es beschränke Güter, die für militärische Zwecke genutzt werden könnten. Die Hamas machte nach einem Bericht von Reuters vom Samstag ebenfalls Israel für die Blockade von Unterkünften und Baumaterial verantwortlich. Die Jerusalem Post berichtete, israelische Sicherheitsbeamte hätten die Kritik an den winterlichen Vorbereitungen zurückgewiesen. Sie verwiesen auf 91.000 neue Zelte, wasserdichte Planen und 9.000 Lastwagenladungen mit Kleidung und Decken, die nach Gaza geliefert worden seien. Mobilheime oder Geräte zum Wiederaufbau beschädigter Gebäude werde Israel jedoch erst zulassen, wenn die Hamas entwaffnet und Gaza entmilitarisiert sei.
Das Hochwasser bedroht laut UNICEF nicht nur Unterkünfte und Habseligkeiten. Das Kinderhilfswerk warnte, steigendes Wasser am Sheikh-Radwan-Teich in Gaza-Stadt könne Regenwasser, vermischt mit Abwasser, in die angrenzenden Viertel treiben. Das beschädigte Pumpsystem komme mit der Lage nicht zurecht. UNICEF forderderte auf X die ungehinderte Einfuhr von Ausrüstung und Material, um es wieder instand zu setzen.
Nach Angaben von Save the Children leben in Gaza mehr als 464.000 Menschen in Vertriebenenlagern mit hohem Überflutungsrisiko. Dazu zählen Al-Mawasi sowie Standorte in Deir al-Balah, Gaza-Stadt, im Norden des Gazastreifens und in Rafah. Im vergangenen Jahr seien elf Kinder an Unterkühlung gestorben. Diese Todesfälle seien vollkommen vermeidbar gewesen, sagte Alhendawi. Als Besatzungsmacht habe Israel die rechtliche Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Zivilisten die Versorgung erhalten, die sie zum Überleben brauchen.
Auch die Versuche, sich warm zu halten, bergen Gefahren. Fast die Hälfte der in der Erhebung des Shelter Cluster befragten Familien gab an, zum Kochen Materialien wie Plastik, Reifen, Müll oder Karton zu verbrennen. 84 Prozent berichteten, keine wirksame Möglichkeit zu haben, ihre Unterkünfte zu beheizen. Save the Children warnte vor giftigen Dämpfen, Bränden und Verbrennungen, denen Kinder in überfüllten, schlecht belüfteten Räumen besonders ausgesetzt seien.
Die Finanzierungslücke verschärft die Lage laut der Organisation zusätzlich. 60 Prozent der 283 Millionen US-Dollar, die für die winterlichen Vorbereitungen benötigt würden, seien nicht finanziert. Mehr als eine Million Menschen brauchten Winterkleidung, doch die verfügbaren Bestände deckten nur ein Prozent dieses Bedarfs.
Für Yousef hat der Winter inzwischen wenig mit den Jahreszeiten gemein, die sie früher geliebt habe. Früher habe sie sich auf gemütliche Wärme, Grillabende und heiße Getränke gefreut. Heute bedeute Winter Leid. Seit dem 7. Oktober 2023 habe sie keine Wärme mehr gespürt.
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