Brasiliens Kongress hat eine Verfassungsänderung zur Verkürzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden beschlossen. Die Regelung könnte bis zu 30 Millionen Beschäftigte betreffen und Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vor der Stichwahl am 25. Oktober politisch stärken, berichtete The Guardian.
Die Reform verbietet Arbeitswochen mit sechs Arbeitstagen. Derzeit arbeiten 16 Millionen Menschen nach diesem Modell. Für mehr als 30 Millionen Beschäftigte soll die maximale Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden sinken. Betroffen wären vor allem Beschäftigte im Einzelhandel, in Restaurants und Hotels, von denen viele nur geringe Einkommen hätten.
Im Senat stimmten 75 Senatorinnen und Senatoren für die Änderung. Nur Hamilton Mourão, der frühere Vizepräsident von Jair Bolsonaro und Vater von Lulas Gegenkandidaten Flávio Bolsonaro, votierte dagegen. Das Abgeordnetenhaus hatte die Reform bereits im Mai gebilligt.
Lula hatte die Änderung nachdrücklich unterstützt. Er schrieb in sozialen Medien, das Ende des sogenannten 6-zu-1-Modells bedeute mehr Zeit zum Leben, Ausruhen, für die Familie, die Betreuung von Kindern und die eigene Gesundheit. Der Forscher Victor Escobar sagte, die Reform könne Lulas Wiederwahlkampagne zugutekommen.
Flávio Bolsonaro hatte die Änderung monatelang abgelehnt, seine Haltung jedoch geändert. Er habe erklärt, die Mehrheit der brasilianischen Beschäftigten unterstütze die Reform. Zugleich habe er weiterhin eine aus seiner Sicht bessere Alternative befürwortet, bei der die Bezahlung nach den tatsächlich geleisteten Stunden erfolge. Nach Angaben der Zeitung Folha habe Bolsonaro Wirtschaftsvertretern gesagt, dass er im Fall eines Wahlsiegs Teile der neuen Regelung überprüfen werde. Mehrere mit ihm verbundene Senatoren hätten dies bei der Abstimmung ebenfalls angedeutet.
Bolsonaro hatte im Mai gewarnt, die Reform könne zu massenhafter Arbeitslosigkeit führen. Arbeitgeberverbände, die den Schritt ablehnen, hätten dieses Argument wiederholt. Seine Partei habe zeitweise erwogen, die Abstimmung zu verhindern. Umfragen hätten jedoch gezeigt, dass mehr als 70 Prozent der Gesamtbevölkerung und mehr als die Hälfte von Bolsonaros Wählerschaft die Änderung unterstützten.
In Kraft tritt die Reform nicht vor der Stichwahl. Nach ihrer Verkündung durch den Senatspräsidenten beginnt eine Frist von 60 Tagen. Danach soll die Höchstarbeitszeit zunächst von 44 auf 42 Stunden sinken. Weitere 14 Monate später soll sie auf 40 Stunden reduziert werden. Die Abschaffung der sechs-Tage-Woche ist ebenfalls nach Ablauf der 60-Tage-Frist vorgesehen.
Die Vorlage war aus einer TikTok-Bewegung mit dem Namen „Life Beyond Work“ hervorgegangen. Gegründet wurde sie von einer Apothekenassistentin, die nach dem Erfolg der Bewegung in die Politik wechselte. Später griff Lula den Vorschlag auf. Senatspräsident Davi Alcolumbre habe die Vorlage schließlich zur Abstimmung gestellt, obwohl sein Verhältnis zu Lula zeitweise schwierig gewesen sei.
Die Professorin und Forscherin Marilane Oliveira Teixeira sagte, Menschen mit einer 6-zu-1-Arbeitswoche seien praktisch von einem Mindestmaß an gesellschaftlichem Leben ausgeschlossen. Zu den möglichen Folgen zählten Krankheiten, Risiken am Arbeitsplatz und Erschöpfung. Frauen seien besonders betroffen, da sie weiterhin einen großen Teil der unbezahlten Hausarbeit übernähmen.
Lilian Cristo dos Santos, eine 50-jährige Verkäuferin in einem Haushaltswarengeschäft in Salvador im Bundesstaat Bahia, sagte, ihr bleibe an ihrem einzigen freien Tag keine Zeit für Arztbesuche, den Strand, den Friseursalon oder ein Studium. Sie müsse den Haushalt erledigen und sich um ihre Familie kümmern. Santos habe Lula gewählt; einige ihrer Kollegen unterstützten dagegen Bolsonaro.
Nach Einschätzung Escobars könnte Lula neben der Reform auch von Kundgebungen seiner Anhänger und einer stärkeren Präsenz in sozialen Medien profitieren. Zudem habe der Präsident kurz vor der Abstimmung weitere Maßnahmen angekündigt, darunter einen Schuldenerlass für Kleinstunternehmer. In einem Brief an evangelische Christen habe Lula seine Unterstützung für zwei freie Tage pro Woche bekräftigt. Escobar sagte, der Wahlausgang bleibe offen, Bolsonaro habe jedoch weiterhin einen gewissen Vorsprung.
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