Die Bundeswehr hat die Gefahr russischer Sabotage gegen eigene Truppen und Einrichtungen erstmals als „signifikant“ eingestuft. Das ist laut einer Bewertung der Bundeswehr die zweithöchste Stufe ihrer internen Bedrohungsskala, wie der WDR und die Süddeutsche Zeitung am Mittwoch berichteten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte die Einschätzung. Er sagte, man stelle fest, dass sich die Bundeswehr insgesamt einer signifikanten Sabotagebedrohung gegenübersehe.
Ausgelöst wurde die Neubewertung durch den Fund einer abgestürzten Drohne Mitte September nahe dem Luftwaffenstützpunkt Wunstorf in Niedersachsen. Die Drohne trug eine Dose mit hochexplosivem Sprengstoff. WDR und Süddeutsche Zeitung zufolge heißt es in einem internen Dokument, Russland habe gegenüber Deutschland und der Bundeswehr durch den Einsatz bewaffneter Drohnen eine zuvor erwartete rote Linie der schädlichen Absicht überschritten, die mit kinetischen und/oder tödlichen Wirkungen verbunden sei.
Die Drohne von Wunstorf ähnelt einer mit Sprengstoff beladenen Drohne, die im August bei einem gescheiterten Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle eingesetzt wurde. Anders als beim Vorfall in Leipzig, der nach Angaben der Behörden zivile Frachtflugzeuge treffen sollte, gehen die Ermittler laut dem Dokument davon aus, dass die Drohne von Wunstorf auf Flugzeuge der Bundeswehr zielte. Deutschland hat Russland für den Anschlag in Leipzig verantwortlich gemacht. Moskau hat eine Beteiligung zurückgewiesen und Vorwürfe, in Europa Sabotage oder hybride Angriffe verübt zu haben, stets abgelehnt.
Dem Bericht zufolge gibt es zudem Hinweise auf mutmaßliche russische Aufklärung in ganz Deutschland. Genannt werden Drohnenüberflüge über dem Raketenabwehrstandort Arrow 3 in Sachsen-Anhalt sowie eine getarnte Kamera, die einen strategisch wichtigen Bahnhof in Minden in Westfalen filmte.
Die Nachrichtendienste erwarten laut dem Dokument, dass sich die Lage kurzfristig verschärft und in naher Zukunft weitere Aktionen wahrscheinlich sind. Das Verteidigungsministerium teilte mit, vorbeugende Maßnahmen würden auf einzelne Standorte zugeschnitten. Sie reichen demnach von verstärkten Wachpatrouillen bis zu zusätzlicher technischer Sicherung, etwa Infrarotkameras und Zaunüberwachungssystemen.
Die Einschätzung kommt gut eine Woche, nachdem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erklärt hatte, Deutschland befinde sich in einem „Schattenkrieg“, und sich für erweiterte Befugnisse der Nachrichtendienste ausgesprochen hatte. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Mittwoch, russische Desinformation und hybride Angriffe stellten die größte Bedrohung für Deutschland dar. Seine Sicht sei, dass die Menschen diese große Bedrohung für die Gesellschaft noch immer unterschätzten. Es handle sich um einen grundsätzlichen Angriff auf die gesamte politische Ordnung, die nach 1990 erreicht worden sei.
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