Europa geht mit historisch niedrigen Gasreserven in den Winter und kann weitere Lieferschocks kaum verkraften. Das warnt Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA). Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran stört die globalen Lieferketten, wie Birol bei einer Konferenz in Berlin dem Sender Al Jazeera sagte.
Alle Regionen seien von Energiestörungen in der Straße von Hormus betroffen, sagte Birol. Europa sei aber besonders verwundbar. In den kommenden Monaten sei mit steigenden Kosten für verflüssigtes Erdgas (LNG) zu rechnen, auch wenn am heutigen Tag Frieden in den Golf zurückkehre. Birol meinte, der beste Tag für einen Waffenstillstand wäre gestern gewesen.
Normalerweise hätten europäische Länder vor dem Winter viele Gasvorräte, sagte Birol. Die aktuellen Bestände lägen jedoch weit unter den historischen Durchschnittswerten. Europas Gas konkurriere zudem mit dem asiatischer Länder, die noch stärker vom Nahen Osten abhängig seien. Sollte der Winter hart werden, könnten die Gaspreise in Europa steigen, so Birol. Das Leben werde in diesem und im nächsten Jahr für Europa nicht einfach sein. Zudem mache die zunehmende politische Dimension der Energie die Lage unsicherer.
Europäische Staaten haben lange auf importiertes Gas gesetzt, um Strom für Industrie und Wärme für Haushalte zu erzeugen. Vor dem Krieg liefen fast ein Zehntel des LNG des Kontinents durch die Straße von Hormus. Inzwischen haben Angriffe des Iran auf Schiffe die Importe stark einbrechen lassen. Die Gasspeicher der Europäischen Union sind laut Meldung nur zu 72 Prozent gefüllt, normal seien 90 Prozent. Die Lücke entspreche der Energie, die 10 bis 12 Millionen Haushalte benötigten, so Analysten. Die EU-Energieminister prüfen nach Medienberichten, ob sie Haushalte und Unternehmen um Einsparungen beim Verbrauch bitten sollen.
Birol sagte, er habe lange über die Gefahren einer Abhängigkeit von der Straße von Hormus nachgedacht. Seine Standardfrage an Bewerber für seine Behörde sei oft gewesen, was sie täten, wenn die Meerenge heute geschlossen würde. Die Probleme kämen nicht überraschend. Die Unruhen in der alternativen Meerenge Bab al-Mandeb hätten die Lage zusätzlich verschlechtert.
Birol, der in der Türkei geboren wurde, zeigte sich enttäuscht, dass Regierungen die nötigen Maßnahmen nicht ergriffen hätten. Nun handelten alle in Eile. Die Länder des Nahen Ostens bauten neue Pipelines, die die Straße von Hormus umgehen. Nach seiner Ansicht hätten diese Anstrengungen aber viel früher unternommen werden müssen.
Die EU hat alte Raffinerien, die in den vergangenen Jahren weniger Rohöl verarbeitet haben. Zudem fehlen importierte Mineralölprodukte wie Diesel, der Lastwagen, Landwirtschaft und Industrie antreibt. Birol sagte, auch Angriffe der Ukraine auf russische Raffinerien seien für den drohenden Dieselmangel mitverantwortlich. Etwa ein Drittel der russischen Lieferungen sei weggefallen.
Im März vereinbarten die Gruppe der Sieben (G7), 400 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus ihren strategischen Reserven auf den Markt zu bringen. Birol koordinierte, wie diese Notvorräte die Märkte erreichten. Es war das dritte Mal, dass er seit Russlands Invasion der Ukraine 2022 Freigaben von Notreserven überwachte. Die Behörde habe jahrelang davor gewarnt, dass die EU zu stark vom russischen Brennstoff abhängig sei. Zudem habe sie sich zu früh von der Atomkraft abgewandt, die den Ländern eigene Verhandlungsmacht gegeben hätte.
Inzwischen steigen die Preise wieder. Gas sei seit Februar um 140 Prozent gestiegen, Brent-Rohöl notiere deutlich über 100 Dollar. Der Krieg werde noch Monate zu spüren sein, sagte Birol. Er habe die Art verändert, wie Energie weltweit transportiert werde.
Auch Europas Politik verändert sich laut Birol. Russland habe Gas als Waffe eingesetzt. Populistische Parteien von Frankreich bis Deutschland nutzten wachsenden Volkszorn, um die etablierten Regierungen als unfähig darzustellen.
„Ich habe nie zuvor gesehen, dass der dunkle und lange Schatten der Geopolitik im Energiesektor so dominant war“, sagte Birol. Energie gelte derzeit nicht als Geschäft, sondern als politisches Druckmittel. Als Energiefachmann beunruhige ihn das.
Die EU verfügt laut Birol noch über rund 80 Prozent ihrer Notreserven. Er hoffe, keine vierte Freigabe überwachen zu müssen. Die Versorgung der Welt könne weitere Schocks jedoch nicht verkraften. Birol hoffe, dass beide Meerengen bald bedingungslos geöffnet würden, sonst gebe es kaum noch Puffer, um die Preise auf dem heutigen Niveau zu halten.
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