Israelische Streitkräfte vertreiben im Gazastreifen weiter Palästinenser aus ihren Wohngebieten. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) warnt, dass dieses Vorgehen Anlass zur Sorge über ethnische Säuberungen gibt. Nach Angaben der Behörde werden Palästinenser wiederholt in einen immer kleineren Teil der belagerten Enklave gedrängt. Die Mitteilung des OHCHR stammt vom Freitag, wie Al Jazeera English berichtete.
Die israelische Armee rückt laut dem OHCHR weiter über ihre Einsatzlinie hinaus vor, die als „Gelbe Linie“ bezeichnet wird. Die Streitkräfte behandelten die Gelbe Linie offenbar als Tötungszone. Palästinenser würden dadurch daran gehindert, in die Reste ihrer Häuser auf der anderen Seite zurückzukehren. Zudem zerstöre das israelische Militär nach Angaben der UN-Organisation verbliebene zivile Infrastruktur und greife Vertriebenenunterkünfte an. Das Militär verfolgt laut der Mitteilung das erklärte Ziel, sein Einsatzgebiet auf 70 Prozent des Gazastreifens auszuweiten.
Das OHCHR dokumentierte in den vergangenen zwei Wochen eine Ausweitung der israelischen Militärpräsenz nach Westen. Sie habe neue Vertreibungen in Shujayea und Gaza-Stadt ausgelöst, außerdem in den östlichen Teilen von Bureij, Deir el-Balah und al-Maghazi im Zentrum des Gazastreifens. In Shujayea seien mindestens zwei israelische Angriffe auf Vertriebenenlager gemeldet worden. Dabei seien Sprengroboter eingesetzt worden, die die wenigen noch stehenden Gebäude in der Gegend zur Detonation gebracht hätten.
Der UN-Stelle liegen zudem Berichte vor, wonach eine israelische Drohne am Sonntag Munition auf ein Zelt an der Kreuzung Shujayea abgeworfen habe, in dem vertriebene Palästinenser untergebracht waren. Das palästinensische Ministerium für öffentliche Arbeiten und Wohnungsbau in Gaza erklärte, das dadurch ausgelöste Feuer habe 200 Familien mit insgesamt 800 Menschen vertrieben.
Ajith Sunghay, Leiter des OHCHR in den besetzten palästinensischen Gebieten, bezeichnete den „Albtraum der Vertreibung“ im Gazastreifen als akut und chronisch zugleich. Wer vor der Ankündigung eines Waffenstillstands geflohen sei, habe kaum oder gar keine Aussicht, in die Gebiete zurückzukehren, die er verlassen habe. Die meisten davon seien unzugänglich, weil sie jenseits der sogenannten Gelben Linie liegen. Die Menschen würden immer wieder aufs Neue vertrieben, so Sunghay.
Trotz eines andauernden Waffenstillstands gehen israelische Angriffe auf den Gazastreifen weiter. Seit dem Inkrafttreten der Vereinbarung am 11. Oktober 2025 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums der Enklave mindestens 1.574 Menschen getötet und 5.687 weitere verletzt. Seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 sollen israelische Angriffe laut denselben Angaben mindestens 74.570 Menschen getötet und 175.808 weitere verletzt haben.
Menschenrechtsgruppen und Hilfsorganisationen haben Israel im Verlauf des Konflikts wiederholt aufgefordert, die gewaltsame Vertreibung von Palästinensern im Gazastreifen und Angriffe auf Unterkünfte zu beenden.
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